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Fragen an den Unternehmer: Heute Arne Lange

Das Format "Fragen an den Unternehmer" hat zum Ziel, Unternehmer mit ihren Unternehmen vorzustellen. Auf sieben Fragen werden Antworten auf wesentliche Einstellungen und Meinungen gegeben; persönlich, authentisch und unterhaltsam. An der Reihe, die sich im Abstand von zwei Monaten fortsetzt, können alle UNH-Mitglieder teilnehmen. Heute setzen wir die Reihe fort mit Arne Lange. Er ist Geschäftsführer des UNH-Mitglieds Raue GmbH in Kassel.

Herr Lange, seit wann besteht Ihr Unternehmen, wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie und was bietet das Unternehmen?

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Arne Lange, Geschäftsführer der Raue GmbH in Kassel
Die Firma Raue hat eine lange Geschichte, letztes Jahr haben wir unser 120-jähriges Jubiläum gefeiert. Seit 1896 ist natürlich viel passiert, Sortimente und Standorte sind immer wieder den aktuellen Kundenbedürfnissen angepasst worden. Ende der 60er Jahre waren wir als Jeans-Laden ein echter Trendsetter in Kassel. Viele der damaligen Jugendlichen haben ihre erste Blue Jeans bei uns bekommen. Seit dieser Zeit tragen wir den Zusatz „Jeans und Berufsmoden“ im Namen, und die klassische Jeans ist nach wie vor ein wichtiges Standbein in unserem Sortiment.

Wirklich umfassend ist unser Angebot an Arbeitskleidung. Wir bedienen alle Branchen. Von A wie Arztkittel bis Z wie Zimmermannshosen, Arbeits- und Sicherheitsschuhe aller Schutzklassen, persönliche Schutzausrüstung – das alles aufzuzählen würde den Rahmen hier sicherlich sprengen.

Seit einigen Jahrzehnten sind wir nun mit unserem Ladengeschäft in der Kurfürstenstraße, inzwischen etwas näher am Kulturbahnhof als früher. Im Laden sind zwei erfahrene Mitarbeiterinnen, ich selbst kümmere mich neben dem Laden um die Verwaltung und den Außendienst. Meine Mutter ist Mitinhaberin und gleichberechtigte Geschäftsführerin und unterstützt mich bei Bedarf in der Verwaltung.

Wie sind Sie zum Geschäftsführer geworden?

Ich bin ein Unternehmerkind. Ich glaube, das macht den Schritt, selbst Unternehmer zu werden, etwas einfacher, denn man kennt das ja schon sein ganzes Leben. Und Unternehmer wird man, indem man eine sich bietende Gelegenheit wahrnimmt. In meiner Ausbildung im elterlichen Betrieb, Schrauben-Lange, habe ich schon viel über das Thema Arbeitsschutz und Berufskleidung gelernt. Danach war ich bei einem ähnlichen Unternehmen in Leipzig tätig, zuletzt im Außendienst. Auch hier war neben Werkzeugen, Maschinen und Verbindungstechnik die Produktgruppe Arbeitsschutz sehr wichtig.

Die Gelegenheit, die sich dann bot, war, dass die Besitzer der Firma Raue Jeans und Berufsmoden aus Altersgründen aufhören wollten. Durch einen gemeinsamen Lieferanten kam in 2015 der Kontakt zustande, die Übernahmekonditionen waren sehr fair, in der Materie kannte ich mich gut aus – so kam das dann.

Was schätzen Sie daran, Geschäftsführer zu sein?

Das frage ich mich auch manchmal. Denn zumindest als Existenzgründer ist das mit dem Einkommen so eine Sache, da bleibt erst mal nicht viel. Die Ersparnisse sind im Unternehmen gebunden, entnehmen kann man nur das Nötigste – aber das soll und wird alles auf Dauer besser werden.
Und Arbeit gibt es auch reichlich, oftmals überreichlich, pünktlichen Feierabend selten, die Verantwortung ist auch bei einem kleinen Laden groß …

Aber ich glaube, bei dem Stichwort Verantwortung habe ich den Anknüpfungspunkt, warum ich mir das alles antue: Selbständigkeit bedeutet zwar sicherlich „selbst und ständig“, es bedeutet aber auch selbst entscheiden, selbst gestalten, selbst nachdenken, selbst neue Ideen umsetzen, auch mal selbst den Laden umbauen, und Selbstdisziplin. Diese Selbstverantwortung, und die Verantwortung für das Ganze, ist eine große Herausforderung. Das alles hinzubekommen macht sogar Spaß! Auch wenn es nicht immer nur einfach und lustig ist.

Wie viel Freizeit haben Sie und was machen Sie damit?

Zu wenig. Nichts.
Im Moment absorbiert die Firma tatsächlich den Großteil meiner Energie. Ich habe als Schüler, Auszubildender und auch dann wieder als Angestellter immer Sport betrieben, z. B. Fechten und Kung Fu, aber aktuell habe ich, offen gesagt, abends nicht mehr die Energie, mich nochmal zu etwas Anstrengendem aufzuraffen. So etwas wie Kampfsport findet also meist nur am Computer statt, online mit Freunden. Aber diese Freunde habe ich nicht nur in der virtuellen Realität, sondern in erster Linie in der realen Realität – kann man das so sagen? Wie auch immer, ich treffe sie jedenfalls häufig. Und dann hängen wir ab. Auch schön!

Welches sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für unsere Region und haben Sie Lösungsansätze?

Ich höre immer wieder, dass es unserer Region so gut geht, und wie toll sich alles entwickelt. Das kann ich bestätigen, wir profitieren sehr von der wachsenden Nachfrage gerade unserer gewerblichen Kunden. Aber wenn ich mir den inhabergeführten Einzelhandel anschaue, meine ich, dass etwas getan werden muss. Jetzt stand in der Zeitung, Köhler gibt auf, weil sie schon seit Jahren keinen Gewinn mehr in der Oberen Königsstraße erwirtschaften konnten. Oder das Gleiche bei der Jeansetage, die vor einigen Wochen schon zugemacht hat. Das kommt mir zwar erst mal zu Gute, weil wir mehr Jeanskunden im Laden haben, aber freuen kann ich mich darüber eigentlich nicht.

Gegen Filialisten ist nichts einzuwenden, die gehören dazu, aber wenn die Mieten nur noch von großen Ketten aufgebracht werden können, haben wir ein Problem. Eine attraktive Innenstadt lebt von gut erreichbaren, vielfältigen und interessanten Angeboten. In diese bunte Mischung gehören kleine Einzelhändler unbedingt mit rein, sonst wird es langweilig. Und wenn es für die Kunden langweiliger wird, machen sich weniger auf den Weg. Und wenn sich weniger auf den Weg machen, kaufen sie ihre Sachen woanders, online. Und davon haben dann weder die Stadt noch die Immobilienbesitzer, erst recht, die stationären Einzelhändler etwas, auch nicht die Filialisten. Hier müssten sich die Akteure mal zusammensetzen und ein Zukunftskonzept entwickeln.
Wir selbst haben ein etwas anderes Geschäftskonzept als die meisten Einzelhandelskollegen. Unser Standort am Rande der Innenstadt, nahe an unseren Kunden, ist weniger von der beschriebenen Entwicklung betroffen. Wir machen Außendienst, und wir kooperieren sowohl einkaufs- als auch vertriebsseitig mit verschiedenen Partnern. Aber die Attraktivität der Innenstadt liegt mir trotzdem am Herzen, wir haben ja auch Laufkundschaft.

Warum sind Sie Mitglied im Unternehmerverband geworden und was schätzen Sie besonders am UNH?

Der UNH hat mich bei der Regelung der Firmenübernahme in 2015 schnell und unbürokratisch unterstützt, gerade bei den anstehenden Personalfragen. Da war ich noch gar nicht Mitglied, konnte ich auch noch nicht sein, denn die Übernahme war ja noch nicht abschließend geklärt. Aber das war toll, es gab mir vor allem Sicherheit bei meinen Entscheidungen.
Der UNH organisiert aber auch immer wieder interessante Vorträge; es gibt einen Personalleiterkreis, in dem rechtliche und organisatorische Themen vermittelt werden; es gibt Veranstaltungen, bei denen man mit vielen Unternehmerkollegen ins Gespräch kommt. Das hilft. Da kommen interessante Kontakte zustande. Ich bekomme viele wichtige Informationen, und ich weiß inzwischen bei vielen Themen, wen ich fragen kann.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach den Unternehmergeist bei Jugendlichen wecken?

Keine Ahnung, ich bin da einfach so reingerutscht. Für mich war die Selbstständigkeit einfach immer schon eine ganz selbstverständliche Möglichkeit. Ich kannte das und wusste: Unternehmersein kann anstrengend werden, ist aber machbar.
Aber mir ist klar, dass für die meisten Jugendlichen Unternehmertum eher eine fremde Lebensform ist, die nichts mit einem selbst zu tun hat. Die Schülerfirmen, die der UNH unterstützt, sind sicherlich eine ganz gute Möglichkeit, so etwas wenigstens ansatzweise mal selbst auszuprobieren. Vielleicht wären mehr Kontakte mit echten Unternehmern, die kleinere Betriebe führen, auch gut, z. B. als Unternehmer-Praktikum? Viele denken ja, Großkonzerne wie VW wären die typischen Unternehmen.

Vielen Dank, Herr Lange!

Das Interview führte Frauke Syring, M.A.
Unternehmerverband Nordhessen e. V. (UNH)

 

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